Asien, Europa & ein paar Erinnerungen

Was ein Beitrag über Asien auf meinem Blog soll? Nichts bestimmtes, ich wollte ihn aber unbedingt schreiben. Es ist Sonntag Morgen, der Kaffee duftet durchs Haus und die Sonne scheint beim Fenster herein. Die beste Zeit also, ein wenig in den eigenen Erinnerungen zu blättern. Es geht um China, es geht aber auch um die Rolle Europas darin.

China kurz zu beschreiben, geht wohl am besten in zwei widersprüchlichen Worten: beständiger Wandel.

Ähnlich sind auch meine Erlebnisse durch die Jahre, von denen ich euch hier ein paar erzählen möchte. Ganz bewusst beschränke ich mich dabei auf die Außenwahrnehmung, da wir über die auch in den meisten Fällen sprechen. 

China für mich – auch hier ständige Veränderung

China in meiner Kindheit war schnell erklärt – viele gelbe Menschen, die Reis essen und mit dem Fahrrad fahren. Das war allen Kinderbüchern zu entnehmen und im Kindergarten und der Volksschule tat man nicht viel dagegen. 

Später im Gymnasium kamen Schlagworte wie Kommunismus, die Revolution, die Bevölkerungsdichte, Ein-Kind-Politik usw. hinzu. Richtig aufmerksam blickten wir damals erst 1989 nach China, als Anfang Juni die Panzer auf dem Tian’anmen Platz rollten und die Proteste der Bevölkerung mit Gewalt niedergeschlagen wurden. >> Wikipedia hat einen Umfassenden Artikel dazu

Auch wenn die Abkehr vom System Maos hin zur wirtschaftlichen Öffnung schon von 1978 bis 1980 geschah, so richtig mitbekommen habe ich das erst um 1997, als Hongkong und Macau an die Volksrepublik zurück gingen. Wir hatten damals Besuch aus Singapur, langjährige Freunde, die mit meinem Vater auch geschäftlich verbunden waren. War bisher von einer Öffnung hin zu persönlicher Freiheit nicht viel zu bemerken, wirkten die besagten beiden Sonderverwaltungszonen irgendwie dennoch ein wenig befreiend auf das ganze Land. Ich kann mich noch gut erinnern, als mir Alan, ein Unternehmer aus Singapur und bis heute guter Freund, mit leuchtenden Augen vom unglaublichen Markt China erzählte. In seinem Heimatland standen viele bereit, sich einen Anteil am scheinbar gewaltigen Kuchen zu sichern. Shanghai galt bereits als das Eldorado des Ostens und alles wollte dort hin. 

2001, genau am 12. September flog ich selbst das erste Mal mit meinem Vater nach Singapur. Der Flug war nach den Anschlägen in den USA am Tag zuvor einer mit vielen Menschen, die alles andere wollten als in ein Flugzeug zu steigen. Wir waren damals mit Swissair unterwegs – es gab drei Sicherheitskontrollen bevor wir letztlich am Gate in Zürich waren. Am Gate direkt gab es noch einmal ein Geschäft für Schweizer Andenken, das von den Sicherheitsbestimmungen nichts gehört hatte, denn hier verkaufte man noch echte Schweizer Offiziersmesser….

Der Blick von der Esplanade – Theatres on the Bay in Singapur, die hier noch im Bau befindlich war.

Der China Hype war vollends in Gange damals in Singapur. Der Deal war einfach – jeder konnte eine Produktionsstätte gründen, man musste lediglich einen chinesischen Partner ins Boot holen und ihm 50% der Anteile geben, dafür erhielt man eine gewaltige Investitionsförderung, die die Kosten für die Abgabe  der 50% mehr als wett machte. Die betuchteren Leute fanden es schick, am Wochenende nach Shanghai zu fliegen und unter anderem auch völlig ungeniert raubkopierte Qualitätsmarken zu kaufen. Gleichzeitig beschwerte man sich unter Woche, dass alles was man drüben für den chinesischen Markt produzieren ließ, eben auch kopiert wurde. Es gab mehrere bekannte und wahrscheinlich noch viel mehr unbekannte Fälle, in denen mit dem 50% Deal ein Werk errichtet wurde und dann, nicht einmal weit entfernt ein baugleiches Werk unter rein chinesischer Führung. Ich kann mich noch gut erinnern, als wir in Singapur im Outlet eines sehr bekannten Markenherstellers waren und Alan diesen um eine Änderung an seiner Jacke bat. Diese sah aus wie ein aktuelles Modell eben jener Marke, fühlte sich so an und wurde auch von den Angestellten nicht als das erkannt, was es war – eine Kopie. 

Hier mit meinem Vater und Bekannten

Angeblich – ich konnte das nie verifizieren, es wird aber ab und an so erwähnt – ist ein Produkt zu kopieren, ein großes Kompliment an den Hersteller. Dass es wirtschaftlicher Schaden ist, ist unumstritten, vor allem, wenn die Produktion um vieles billiger erfolgen kann. Der Beigeschmack ausbeuterischer Produktionsverhältnisse in China war zu spüren, wenngleich die großen westlichen Hersteller nicht müde wurden, zu betonen, dass in ihren Werken darauf geachtet wird, ordentliche Bedingungen für die Arbeitnehmer zu schaffen. Eigentlich eine Absurdität, dass der kommunistische Arbeiterstaat nicht wirklich viel auf Arbeitsbedingungen gab….

China entwickelte sich weiter. Die Produktionsbedingungen wurden besser. Einige Jahre später, die 50% Deals mit Singapur waren Geschichte und die Volksrepublik versuchte aktiv nach außen zu verkaufen, dass die Arbeitsbedingungen besser wurden. Viele Produktionsstätten wanderten von anderen asiatischen Ländern nach China. 2006 machte ich unterwegs nach Fidschi einen Zwischenstopp in Singapur. Wir aßen Seespinne in der Bay – die ich jedem empfehlen kann, man sollte allerdings nicht daran denken, dass die Spinne am Teller (die ohne Beine serviert wird), wenn sie einem unter Wasser begegnen würde, mit ihren 2 Metern Durchmesser für langanhaltende Albträume sorgen würde ;). China war vom Tisch, man produzierte ein paar Komponenten dort, ein paar in Malaysien und vom gewaltigen Markt war keine Rede mehr, der war da aber eben nicht für jeden zugänglich, vor allem wenn man kopierbar war. Weltbekannte Marken, die einfach nicht zu imitieren waren, konnten davon träumen. Alles andere wurde zerrieben auf einem Markt, der in Produktionsgrößen niemals unter 100.000 Stück per Handelsperiode rechnete – und dabei spielte es keine Rolle ob es sich um einen PKW oder einen Kugelschreiber handelte.

Taiwan – das kleinere China mit freier Marktwirtschaft

Lange Haare und aus Österreich? Klar, Österreicher sind alles Künstler und können Klavierspielen….

Mir war 2007 noch immer nicht wohl bei dem Gedanken an die Arbeitsbedingungen in China und so war ich auf der Suche nach qualitativ hochwertigen elektronischen Geräten unterwegs nach Taiwan. Wir hatten zunächst versucht in Deutschland einen Prototypen auf Schiene zu bringen, was unglaublich teuer war, dann mit einem britischen Produkt geliebäugelt, das zwar wasserdicht, sonst aber langsam und auch sehr teuer war. Spätestens auf der Cebit war dann klar, es kamen nur Südkorea oder Taiwan in Frage. Die Produktionsstätten waren klein aber effizient und wir konnten ohne große Zugeständnisse auch Kleinchargen bestellen. Damals lernte ich meine späteren Freunde Leon und Vicky kennen, die noch nicht verheiratet im selben Betrieb arbeiteten – er für den Vertrieb in Europa, sie für die USA. Made in Taiwan war damals ein Qualitätsgarant und natürlich eine Marketingstrategie, weil auch die kleineren Firmen in Europa noch immer der Problematik von sehr billigen Kopien in China ausgesetzt waren.

Republik China kontra Volksrepublik China

Taiwan ist die Republik China, abgekürzt ROC für “Republic of China”. Man nennt sich so, aber nicht zu laut. Man erwähnt hinter vorgehaltener Hand, dass man eigentlich das echte China sei und man nennt die Leute in der Volksrepublik – PROC, also “People’s Republic of China” – Rebellen. Im ersten Moment dachte ich bei den Versuchen der Einheimischen, mir das zu erklären an Monty Python und die Volksfront von Judäa….

Interessierten Besuchern zeigt man das Mausoleum von Chiang Kai-shek und das chinesische Nationalmuseum – das tatsächlich in Taipeh in Taiwan steht. 

Für mich faszinierend war in diesem Museum, dass die Schriftrollen, die tausende Jahre alt sind, von den Menschen heute gelesen werden können. Die chinesische Schrift hat sich kaum verändert und obwohl es immer ein wenig Interpretation braucht, ist klar, was damals gemeint war. Mein Freund Leon war erstaunt, als ich ihm sagte, wenn wir in Europa eine 3000 Jahre alte Schrifttafel ausgraben, es wahrscheinlich einige Zeit dauern würde, bis wir jemanden finden, der sie entziffern kann. 

Die UN Resolution 2758 (>>hier mehr dazu)machte 1971 für Taiwan den Deckel zu – Taiwan war als eigenständiger Staat damit nicht mehr anerkannt und die Volksrepublik die einzige offizielle Repräsentanz von China. Taiwan war damit nur mehr chinesische Provinz – mit einer Schutzmacht, die niemand ignorierte, die USA. Wahrscheinlich mit ein Grund, warum die Regierung in Taiwan nach wie vor die Republik China regieren kann und quasi autonom agiert. 

Immer wieder gibt es Bestrebungen diesen in Wirklichkeit in Schwebe befindlichen Zustand, der ja formal nur vom Goodwill der Volksrepublik abhängt, zu ändern. Zuletzt 2007, als man um Aufnahme in die UN als eigenständige Republik Taiwan ansuchte. Erfolglos und mit einem drohenden Zeigefinger des großen Bruders. Ich kann mich noch an die Plakate und zahlreichen Stände, die zur Unterstützung des Vorhabens aufriefen, erinnern. Drohender Zeigefinger deshalb, weil das Bestreben gegen die “Politik der 5 Neins” verstoßen haben könnte, wenn man es so interpretiert, was aber nicht geschah dann. Die 5 Neins, sind die Basis auf der Taiwan eben Taiwan sein darf (>> mehr dazu hier). Zusammengefasst, handelt es sich um 5 Dinge, die Taiwan nicht tun darf. 

Ich schrieb vorhin, man spricht leise davon und das ist de facto so. Niemand möchte auf die Touristen aus und den Export nach China verzichten. Erst recht will niemand einen militärischen Konflikt riskieren, auch wenn die USA und Japan eine schützende Hand über Taiwan halten und die 5 Neins noch immer akzeptiert werden. Dass es kaum diplomatische Beziehungen zum Rest der Welt gibt, stört die Menschen in Taiwan durchaus, durch das autonome Agieren auf den internationalen Märkten, die eben nicht an die UN Entscheidung gebunden sind, macht man aber das Beste draus. 

Meine eigenen Erfahrungen mit Qualität made in China

Als Beispiel sei die CE Kennzeichnung genannt, die nach eigenem Ermessen des Inverkehrbringers erfolgt, also durch uns in diesem Fall. Damit man dies guten Gewissens tun kann – man erklärt damit, dass das Produkt den Anforderungen der Gemeinschaft entspricht – braucht es Testreihen, Qualitätsprüfungen usw. In Taiwan bekamen wir das, in China bekamen wir die Adresse eines Aufkleberherstellers, der uns CE Aufkleber ab 100.000 Stück (was sonst?) sehr günstig schicken kann.  Damals wußte ich noch nichts vom Weltpostvertrag, der China als Entwicklungsland die Möglichkeit einräumt, mit der staatlichen Post, fast zum Nulltarif in die ganze Welt zu versenden. 

Ich sah mir die Produktionsstraßen an und ich hatte das gute Gefühl auch als kleiner Abnehmer in Taiwan nicht auf Produktion unter menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen zurückgreifen zu müssen. Taiwan war sehr amerikanisch orientiert und das merkte man eben in allen Lebensbereichen. 

Taiwan ändert sich auch

2008 und 2009 war ich wieder in Taiwan, sah einiges vom Land und lernte auch den Unterschied zwischen K-TV und Karaoke. 2011 kamen die frischvermählten Vicky und Leon auf Hochzeitsreise nach Österreich. Und wer glaubt, man kann Leuten aus China nichts exotisches zu essen vorsetzen, der lade sie einfach auf vom Wirt geschossenen Rehbraten ein. Der Besuch beim Wirt in Schmiding hatte damit mehr international exotische Kulinarik für die beiden zu bieten als ganz Paris eine Woche zuvor. 

Auch in Taiwan dachte man um. Dank Preiskampf und den Maßnahmen, die die chinesische Regierung in Punkto Produktionssicherheit glaubhaft auch nach Taiwan vermittelte, gab es die ersten Umfragen, ob man denn mit einer Produktion in China einverstanden sei – sie wäre um einiges günstiger.

Die Reputation großer Marken, die wie riesige Aushängeschilder von Qualitätsproduktion in China auf den Weltmärkten hingen, waren verführerisch. Ein weiteres Mal drüber nachgedacht und überlegt, wurde einem schnell klar, dass man allerdings nicht den Einfluss hat, um sicher zu stellen, dass da alles so ablief wie man es wollte. Auch unser Lieferant konnte das nicht garantieren – nur versichern, man würde alles mögliche tun, damit es so sei. 

Heute  – eine persönliche Ansicht

Das ist nun alles etwa 10 Jahre her – seitdem bin ich nicht mehr in Asien gewesen, habe auch beruflich nichts mehr damit zu tun. Wie ich die Situation heute sehe, wird es hart werden für Europa, wenn wir uns nicht endlich auf unsere europäischen Hinterbeine stellen. Der Handelsstreit zwischen China und den USA zerreibt uns. Europa könnte sich als sicherer Markt in der Mitte etablieren, Europa ist allerdings viel zu sehr damit beschäftigt, sich darüber klar zu werden, ob man denn überhaupt Europa sein will. 

Ja, wir sind viele Staaten und viele Kulturen mit vielen Philosophien – wir sind aber alle Europa. Im Wirtshaus wie in populistischen Wahlkämpfen gilt “Wenn du kein Thema hast, schimpfst eben über die EU” – schön, dass wir uns da wenigstens in allen Ländern gleichen. Es gibt auch Gründe dafür – leider nicht zu wenige. Ich sehe das aber auch als Symptom für zu wenig Europapolitik in den Ländern. Wenn Richtlinien aus Brüssel als Gesetze umgesetzt werden ohne einen Realitätsanspruch zu haben, dann ist das nur möglich, weil sie von zu wenigen Menschen gelesen werden, bevor sie Gültigkeit erlangen. Keine Partei riskiert auf breiter Ebene Stimmverlust, wenn sie so etwas verbockt – weil Schuld ist Brüssel und da sieht ja eh keiner rein, wie das so läuft… also alles gut. 

Es wird zwar langsam besser, aber wir sind noch weit weg von gut. Die USA haben dieses gemeinsame Verständnis des Miteinanders, der uns fehlt und China ist regiert sein Gebiet mit harter Hand. 

Was landläufig nicht so bekannt ist, China expandiert. Nicht militärisch, man geht hier geschickter vor. In Afrika gibt es ganze chinesische Landstriche. Man sichert sich Rohstoffe und siedelt Menschen an, die damit der Ein-Kind-Politik entgehen. Im Gegenzug erhält das amtierende Regime im jeweiligen Land etwas, das es möchte – und da spielt es keine Rolle was, allerdings werden chinesiche Siedlungen sicher  nicht angegriffen. Der Rest der Welt hilft Afrika durch NGOs usw. und beutet das Land wegen seiner Rohstoffe aus – China nimmt sich Afrika. Sucht im Internet einfach mal nach China Afrika.

Die USA nutzen ihren weltweiten Einfluss auch mit militärischer Stärke. Wenn eine Sanktion gegen ein Land ausgesprochen wird, sind schnell auch europäische (davon auch österreichische) Firmen betroffen und niemand kann etwas dagegen tun. 

Es mag beängstigend klingen, aber wenn wir nicht bald europäisch denken, wird Europa für die Welt erst dann wieder interessant, wenn die Lebensräume um den Äquator zu heiß werden und Massenfluchten nach Norden und Süden die Region als Ziel haben. Den Klimawandel verursachen auch USA und China? Ja – nur da wir auf die kaum Einfluss haben, sollten wir vor der eigenen Türe kehren. Die stärkste Macht am Markt ist der Konsument – wenn er will und sich nicht verführen lässt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.